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Mit Gott hadern! Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi in der Reinoldikirche

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Was man meint, begriffen zu haben, ist sicher nicht Gott. Mit der Aussage des Kirchenlehrers Augustinus begann Ahmad Milad Karimi, Professor für Islamische Philosophie und Mystik an der Universität Münster, seinen Vortrag in der Dortmunder Stadtkirche St. Reinoldi. Unter dem Titel „Und wenn es Gott nicht gibt?“ nahm er die Zuhörerinnen und Zuhörer mit auf eine fulminante Reise durch Islam und Koran.

Karimi zeichnete ein Bild von Religion – und insbesondere vom Islam –, das keine eindeutigen Beweise einer Existenz oder Nichtexistenz Gottes zulässt. Wohl aber sei einem religiösen Menschen die ständige Sehnsucht nach Gott immanent. Es gelte für ihn, nie aufzuhören, mit Gott zu hadern, sich auf die Suche nach ihm zu begeben. Dazu gehöre auch, Gottes Existenz in Zweifel zu ziehen.

Wenn jemand zweifele, dann sei auch das gottgewollt, sagte Karimi. Entscheidend sei die Erfahrung, sagen zu können: „es gibt etwas Größeres als mich.“ Sie führe dazu, Gott in Ehrfurcht zu begegnen und anderen Menschen gegenüber offen zu bleiben. „Es geht nie um mich selbst“, mahnte Karimi. Wer glaube, sei nicht besser als andere Menschen. „Ich darf in der Liebe Gottes keinen Hochmut finden.“

Ahmad Milad Karimi beschrieb, wie er als kleiner Junge auf der Flucht aus Afghanistan seine ersten eindrücklichen Glaubenserfahrungen machte. „Der Islam ist keine Kuschelgruppe“, sagte der heute 40jährige Wissenschaftler. Sein Glaube sei auch und gerade in Lebenssituationen gewachsen, die unangenehm und schwierig waren.

„Gott scheint von der Art zu sein, die es uns nicht leicht macht zu sagen, es gibt ihn oder es gibt ihn nicht“, ist eine seiner Erkenntnisse. Aber wenn es den „Herren aller Welten“ gebe, dann wolle er nicht, „dass wir Schwachsinn glauben“, ist Karimi überzeugt.

„Wer glaubt, trägt Verantwortung.“ Und so hält der Theologe nichts von einem religiösen Selbstbild vieler Gläubigen, im Namen Gottes zu agieren. Vielmehr sei es notwendig, in Verantwortung vor Gott zu handeln. In diesem Sinne sei es die Aufgabe von Muslimen wie von anderen gläubigen Menschen, in Besonnenheit für mehr Menschlichkeit einzutreten. „Religion muss sich als Wagnis für den Frieden einmischen“, so Karimi. Wer hingegen Religion als Herrschaftsinstrument einsetze, der entfremde sie.

Der Islam sei Vielfalt, erläuterte der Religionsphilosoph. Nur acht Prozent des Korantextes seien normativ. Vielmehr weise der Koran eine poetische Sprache auf, die stets der Interpretation bedürfe. Als Wesen fundamentalistischer Strömungen bezeichnete es der Islamwissenschaftler, stets nur eine Antwort auf die Frage einer Textstelle zuzulassen. Der Koran sei aber nicht eindeutig, so Karimi. Immer seien Interpretationen im textlichen und historischen Kontext zu suchen. Letztlich gehe es immer um einen „Streit der Plausibilitäten.“

Text: Wolfram Scharenberg
Foto: Isabella Thiel