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Standpunkte und Entwicklungen in der evangelischen Integrationsarbeit

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Nur knapp die Hälfte der Flüchtlinge, die an Integrationskursen teilnimmt, schließt diese erfolgreich ab. Bei vielen evangelischen Kursträgern sieht es besser aus, wie jetzt auf dem 2. Fachtag „Evangelischer Trägerverbund Integration NRW/RWL“ in Düsseldorf deutlich wurde. Der Schlüssel zum Spracherfolg liegt auch in einer guten sozialpädagogischen Begleitung der Teilnehmenden. Doch die ist unterfinanziert.

Der Schock saß tief, als das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) im vergangenen Jahr erstmals eine Statistik zum Erfolg der Integrationskurse veröffentlichte. Diese bestehen aus einem 600-stündigen Deutschkurs und einem freiwilligen 100-stündigen Orientierungskurs zur deutschen Rechts- und Gesellschaftsordnung. Die Sprachprüfung auf dem Niveau B 1 bestand 2017 mit 48,7 Prozent noch nicht einmal jeder Zweite. Seitdem stehen die Kurse öffentlich in der Kritik.

„Die schlechten Quoten treffen auf die meisten evangelischen Träger nicht zu“, betonte Jörg Neuhaus, stellvertretender Geschäftsführer des Evangelischen Erwachsenenbildungswerkes Westfalen und Lippe e. V. auf einem Fachtag, zu dem die Diakonie RWL gemeinsam mit dem Evangelischen Trägerverbund Integration NRW/RWL eingeladen hatte. „In der Regel bestehen zwischen 60 und 80 Prozent unserer Teilnehmer die Sprachprüfung, in Düren sind es sogar 95 Prozent.“

Kritik an der Statistik

Kritik übte Neuhaus auch an der Statistik, in der jeder Teilnehmer, der den Kurs wechselt oder für kurze Zeit wegen Krankheit, Schwangerschaft oder eines Umzugs unterbricht, als „Abbrecher“ geführt wird.

Unter den bundesweit rund 8.000 Anbietern von Integrationskursen gehören die Kursträger der Freien Wohlfahrtspflege und der kirchlichen Bildungswerke eher zu den kleinen Anbietern. Mit dabei sind die evangelischen Träger, die sich zu einem Evangelischen Trägerverbund Integration NRW/RWL zusammengeschlossen haben. Sie verantworten rund 180 Kurse, die vom BAMF finanziert und konzipiert wurden. Im Gegensatz zu vielen großen, privatwirtschaftlichen Kursanbietern sind sie meistens gut im Sozialraum vernetzt. Das ermöglicht es ihnen, Flüchtlinge in vielen drängenden Alltagsfragen, die ihnen das Lernen schwer machen, zu helfen.

Sprache lebt von Begegnung

„Sie brauchen Unterstützung bei der Familienzusammenführung, der Anerkennung ihrer Berufe, der Integration ihrer Kinder in Kitas und Schulen“, erklärte Heike Keßler-Wirtz, Leiterin der „Werkstatt der Kulturen“ des Diakonischen Werkes im Kirchenkreis Aachen. Um die Sprache zu lernen, ist es nach Ansicht von Heike Keßler-Wirtz zudem wichtig, dass Flüchtlinge schnell Kontakt in ein soziales deutschsprachiges Umfeld bekommen.

Soziale Begleitung mitdenken

„Die sozialpädagogische Begleitung der Integrationskurse durch die ebenfalls bundesgeförderte Migrationsberatung und die Jugendmigrationsdienste kann eine entscheidende Rolle für den sprachlichen Erfolg und die Integration spielen", betonte Manfred Hoffmann, Leiter des Geschäftsfeldes Flucht, Migration und Integration der Diakonie RWL. „Doch sie wird beim BAMF nicht in adäquater Weise mitgedacht. Sie ist weder konzeptionell ausreichend verzahnt noch finanziell gut ausgestattet.“ Rund 610 Millionen Euro erhielten die Integrationskurse im vergangenen Jahr. 2018 sind es sogar 765 Millionen Euro. Für die sozialpädagogische Begleitung durch die Migrationsdienste, die noch viele weitere Aufgaben haben, stehen mit rund 100 Millionen dagegen keine ausreichenden Mittel zur Verfügung. Mit dem Ergebnis, dass die Teilnehmer all ihre Fragen mit den Dozenten der Kurse zu klären versuchen – und diese damit überfordert sind.

Pilotprojekt statt Finanzspritze

Das Problem ist dem BAMF durchaus bekannt. Seit Anfang 2018 stellt es daher – zunächst für ein Jahr – zehn Millionen Euro im Rahmen eines Pilotprojekts für die soziale Begleitung durch die Kursträger vor Ort bereit. Konzeptionell ist dieses Angebot allerdings nicht mit der sozialpädagogischen Begleitung der Migrationsdienste verbunden. Das Evangelische Bildungswerk im Kirchenkreis Duisburg finanziert aus dem Politprojekt nun eine Stelle für vier seiner insgesamt 25 Integrationskurse. „Das entlastet unsere 35 Dozenten und zwei Verwaltungsangestellte, bei denen unsere Kursteilnehmer regelmäßig um Unterstützung im Alltag nachfragten“, berichtete Jessica Nadolny. „Doch jeder unserer Kurse hätte die sozialpädagogische Begleitung dringend nötig.“

Mehr Kursstunden, besserer Spracherfolg

Rainer Ohliger vom „Netzwerk Migration in Europa“ plädierte auf dem Fachtag dafür, die Integrationskurse gründlich zu überarbeiten. Nicht Sprache sei der Schlüssel zur Integration, sondern die Integration der Schlüssel zur Sprache. „Für ein alltagstaugliches Deutsch sind rund 1.000 Stunden Unterricht erforderlich“, ist Ohliger überzeugt. „Wir brauchen mehr zielgruppenspezifische Kursangebote, mehr Flexibilität in den Curricula und mehr lebensweltliche Bezüge zu dem Ort, in dem die Teilnehmer leben.“ Vor allem aber müsse stärker auf die Qualität der Kurse geachtet werden.

„Es gibt private Sprachschulen, die sehen diese Kurse als Lizenz zum Gelddrucken“, kritisiert Ohliger. Sie bezahlten ihre Dozenten schlecht, böten den Teilnehmern keinerlei Hilfe bei Alltagsfragen und fielen durch Gefälligkeitszertifikate auf. Heike Keßler-Wirtz wünscht sich, dass das BAMF diesen „schwarzen Schafen“ den Auftrag entzieht – und die seriösen Träger bei einer Reform der Integrationskurse einbezieht. „Wir wissen genau, was in den Integrationskursen erfolgreich ist und was nicht. Unsere Erfahrung sollte Eingang finden in die bundesweiten Kurskonzepte.“

Download Impulsreferat Rainer Ohlinger

Foto: Christian Carls

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